Aktuelles

"Es gibt in der Klimakrise keine neutralen Beobachter"

Raphael Thelen: "Sie sagen vielleicht: Ich bin Journalist, ich bin neutral. Das stimmt. Aber nur bis zu einem gewissen Grad." (Foto: Arno Piepke)

Raphael Thelen hat lange als Journalist gearbeitet – berichtete für Spiegel und Zeit über die Klimakrise. Vor drei Monaten wechselte er die Seiten und hat sich den Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ angeschlossen. Bei einer Pressekonferenz Mitte April forderte er Journalist*innen auf, mehr Initiative für das Klima zu ergreifen. Wir dokumentieren hier seine Rede. Text: Raphael Thelen

19.04.2023

Es ist spannend während einer Pressekonferenz auf dieser Seite zu sitzen. Über zehn Jahre war ich da bei Ihnen, und habe das geliebt. Ich war als Reporter bei den Revolutionen in Tunesien, Libyen und Ägypten dabei, war mit der Bundeswehr in Afghanistan unterwegs, genau wie auf den Fluchtrouten im Balkan.

Ich dachte, das wären die drängendsten Geschichten unserer Zeit gewesen, bis ich vor vier Jahren angefangen habe für den Spiegel und die Zeit über die Klimakrise zu berichten. Von Süd nach Nord habe ich auf dem Planeten überall recherchiert. Und das hat mich tief verändert.

Ich war in Südafrika, in Kapstadt, in dem einige von Ihnen sicherlich auch schon mal waren. Die Stadt leidet unter Dürre und ich sprach mit einer Frau deren kleiner Bruder fast gestorben ist, weil er verschmutztes Wasser getrunken hatte. Ich war im Irak und habe mit einem Bauern gesprochen, dessen Ernte immer wieder kaputtging. Aus Geldnot hat er sich einer bewaffneten Miliz angeschlossen und war in den Krieg gezogen.

In Norwegen habe ich mit einem Mädchen gesprochen, dessen Lehrer in einem Unwetter umgekommen war. Jeden Morgen auf dem Weg zur Schule musste sie an seinem früheren Haus vorbei. Sie sagte mir: „Ich habe Angst, dass ich in den nächsten Jahren sterben werde.“

Vielleicht kennen Sie diese Momente, wenn man als Reporter irgendwo steht, und das alles nicht richtig fassen kann. Die Orte, die ich besucht habe, waren wie Blicke in eine Zukunft, die wir nicht wollen. Auch damals die Überschwemmungen im Rheinland. Ich komme aus der Gegend, war als Kind oft mit meinen Eltern im Wald spazieren. Und plötzlich war da nur Tod und Zerstörung. 

„In Norwegen habe ich mit einem Mädchen gesprochen, dessen Lehrer in einem Unwetter umgekommen war. Jeden Morgen auf dem Weg zur Schule musste sie an seinem früheren Haus vorbei.“

Dass das so weiter geht, dass die Krise weiter eskaliert, müssen wir verhindern.

Sie sagen vielleicht: Ich bin Journalist, ich bin neutral. Das stimmt. Aber nur bis zu einem gewissen Grad. Wir alle sind als Bürger:innen, und Sie als Journalist:innen ganz besondere der Würde des Menschen, der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtet. An den Orten, an denen ich war, gab es all das nicht mehr.

Es gibt in der Klimakrise keine neutralen Beobachter. Wir alle sind Opfer. Wir alle sind Verursacher. Wir alle müssen uns fragen: Was kann ich tun?

Und Ihnen, der Presse, kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sie bestimmen die öffentliche Diskussion mit. Sie stellen die Problemanalyse bereit, genau wie Lösungsansätze. „Wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse“, steht unter Ziffer 1 des deutschen Pressekodex.

Was bedeutet das in der Klimakrise, wahrhaftig?

Ich habe mir da in den vergangenen vier Jahren fast non-stop Gedanken darüber gemacht, zu diesem Zweck mit Kolleginnen auch das Netzwerk Klimajournalismus Deutschland gegründet.

Rausgekommen bin ich bei diesen drei Punkten:

1) Wahrhaftig heißt, den wissenschaftlichen Konsens korrekt wiedergeben. Viele Medien tun das, was Bernd Ulrich mal „begleitenden Journalismus“ genannt hat. Wir orientieren uns am Agenda-Setting von Politik und Wirtschaft, berichten daran entlang, kritisieren ein bisschen und halten das dann für einen objektiven Standpunkt. Viel mehr objektiv wäre aber: Sich den IPCC-Bericht nehmen, ihn sich ausdrucken, sich daraufstellen und von dort aus zu berichten. Das wäre faktentreu und wirkliche journalistische Unabhängigkeit.

2) Wahrhaftig wäre auch die Schuldigen in dieser Krise klar zu benennen. Sie erinnern sich vielleicht an den Untergang der Ölplattform Deep Water Horizon. Der Ölkonzern BP missachtete Sicherheitsstandards, um seinen Profit zu steigern. Es kam zum Unglück, 800 Millionen Liter Öl flossen ins Meer. Und was tat die Presse im Anschluss? Sie benannte ganz so klar: BP war schuld. Und das gleiche muss in der Klimakrise gelten. 

Der Ölkonzern Exxonmobile wusste schon 1981, dass seine Geschäftspraktiken zu „katastrophalen Folgen für einen Großteil der Weltbevölkerung führen werden“. Das hatte eine interne Studie ergeben. Was taten die CEOs? Um ihre Profite zu schützen, ließen sie die Studie in den Schubladen verschwinden und griffen die Wahrheit an. Klimawandelleugnung. Sie haben die Öffentlichkeit manipuliert. Erfolgreich. Auch ich dachte bis vor vier Jahren: Vielleicht gibt es die Klimakrise, vielleicht gibt es sie nicht. Als Journalist. Peinlich.

Deutschland war mal Vorreiter beim Ausbau Erneuerbarer Energien. Die „Energiewende“ war ein deutsches Spitzenprojekt. Hätten wir sie damals weitergeführt, würden wir uns mittlerweile zu 100 % mit Erneuerbaren versorgen. Stattdessen: Wurden im Rheinland weitere Dörfer abgerissen. Abhängigkeit von Gas aus Qatar. Die eskalierende Klimakrise.

Warum? Weil RWE sich damals um seine Gewinne sorgte, und mithilfe seiner Kontakte ins Wirtschaftsministerium die Energiewende sabotierte. Alles nachzulesen zum Beispiel im Buch „Die Klimaschmutzlobby“ von Susanne Götze und Annika Joeres.

Es gibt in Deutschland und global Schuldige für diese Krise. Und das sind nicht Sie und ich. Sondern jene, die vom Verbrennen von Öl und Gas massiv finanziell profitiert haben. Darüber müssen wir reden.

3) Das Klima ist kein Thema wie jedes andere. Es ist eine Dimension jeden Themas, analog zu Demokratie und Menschenrechten, denn: Jeder Bereich unseres Lebens betrifft die Klimakrise. Und jeder Bereich unseres Lebens wird von ihr betroffen.

Nehmen sie die WM in Qatar. Da wurde ganz selbstverständlich gesprochen über die Situation der Gastarbeiter und die demokratischen Defizite der autokratischen Regierung. Genauso müssen wir auch bei allem die Klimakrise mitdenken: Qatar ist mit Öl, also mit der Zerstörung des Klimas reich geworden. Es ist massiv von der Klimakrise bedroht. Die WM hat massig CO2-Emissionen produziert. Das sind nur drei der Perspektiven, die Journalisten hätten mitdenken müssen, denn: Ohne ein stabiles Klima, gibt es auch keine Demokratie und keine Menschenrechte. 

Ja, wenn man so berichtet, bekommt man Gegenwind. Das SZ Magazin veröffentlichte kürzlich ein Rezept für eine vegetarische Carbonara und bekam dafür einen Shitstorm. Das tut weh. Aber bald wird ihnen das vorkommen, wie ein warmer Sommerregen.

„Die Orte, die ich besucht habe, waren wie Blicke in eine Zukunft, die wir nicht wollen.“

Wenn es mal wieder eine Überschwemmung gibt. Sie ihre Kinder mitten in der Nacht aus den Betten holen müssen, aufs Dach klettern, um sie herum nur Dunkelheit und das steigende Wasser – so wie das im Ahrtal war, hundertfach, tausendfach. Sie panisch immer wieder die Feuerwehr anrufen, endlich durchkommen, und es nur heißt: Wir wissen auch nicht, ob die Wasserstände bald fallen, und nein: Wir können keine Hilfe schicken, wir sind überlastet, Sie sind auf sich allein gestellt.

Ich selbst habe den Journalismus verlassen, bin jetzt bei der „Letzten Generation“. Ich freue mich natürlich, falls Sie das auch in Erwägung ziehen, habe auch unglaublich viel Unterstützung seitdem erfahren, aber das müssen wir nicht alle tun. Aber in den nächsten Wochen werden wir wieder viel Anlass zur Berichterstattung bieten. Wir werden demonstrieren, uns ankleben, blockieren.

Sie können sich dann die Frage stellen: Berichte ich über die Blockaden, über die Autofahrenden und über die Erregung der Politik? Oder ordne ich den Protest ein, erkläre worum es geht. Berichte ich über die Klimakrise, wahrhaftig, also vielleicht: Einen Absatz über den Protest und dann den Rest über das warum, über die Zusammenhänge und Notwendigkeiten.

Denn die Frage, die wir uns alle in der Klimakrise stellen müssen, lautet: Übernehme ich genug Verantwortung?

Raphael Thelen hat für Spiegel und Zeit als Journalist gearbeitet und das Netzwerk Klimajournalismus mitgegründet. Seit Anfang 2023 ist er Aktivist bei der „Letzten Generation“. Wir dokumentieren hier eine Rede, die er am 18. April 2023 auf einer Pressekonferenz in Berlin hielt.

Aktuelles Meinung