„Die Kosten für das Printprodukt werden uns erdrosseln“

Sinkende Auflagen, Social Media, KI: Wie kann Benjamin Piel den Weser-Kurier erfolgreich in Richtung Zukunft navigieren?Foto: Caspar Sessler für journalist

Seit Jahresbeginn ist Benjamin Piel Chefredakteur des Weser-Kurier in Bremen. Im journalist-Interview zeichnet er ein Zukunftsszenario, in dem sich der Journalismus stark auf sein Kerngeschäft fokussieren muss, um zu überleben.

Interview: Catalina Schröder, Fotos: Caspar Sessler

01.04.2025

Benjamin Piel wurde schon oft gefragt, ob er nicht lieber für FAZ oder Spiegel arbeiten wolle. Doch er liebt den Lokaljournalismus und ist entschlossen, ihn zukunftsfähig zu machen. Zum Beispiel, indem man den Umfang von Tageszeitungen konsequent zurückfährt und sich aufs Digitale konzentriert.

journalist: Herr Piel, als Sie Mitte 2018 als Chefredakteur beim Mindener Tageblatt anfingen, haben Sie innerhalb des ersten Jahres 200 Menschen aus der Region getroffen ...

Benjamin Piel: ... und darüber 200 Texte geschrieben.

Wie war Ihr Start Anfang Januar 2025 beim Weser-Kurier in Bremen?

Die 200 Treffen damals in Minden waren super, weil sich schnell Kontakte entwickelten – aber das Schreiben war auch schrecklich anstrengend. Gerade, weil es in eine Phase fiel, in der ich meine Redaktion und die neuen Kollegen kennenlernen wollte. Gleichzeitig habe ich neue Projekte angeschoben. Daher war das am Ende eine mittelschwere Selbstzumutung.

In unserem Gespräch soll es um nicht weniger als die Zukunft des Journalismus gehen. Viele Kolleginnen und Kollegen würden jetzt wohl tief Luft holen und dann in einen halbstündigen Jammer-Monolog verfallen.

Das könnte ich auch, bringt aber nichts. Außerdem glaube ich mit beinahe religiösem Eifer an den Journalismus.

Sie bezeichnen sich selbst als bekennenden Lokaljournalisten. Warum?

Ich werde ganz oft gefragt, ob ich nicht eigentlich lieber zur FAZ oder zum Spiegel will.

Und, wollen Sie?

Definitiv nicht. Was den Journalismus für mich spannend macht, sind die Menschen, die wir treffen und mit denen wir unmittelbar Kontakt haben. In Bremen genauso wie an jedem anderen Ort. Wenn ich über Berliner Regierungspolitik berichte, ist das auch wunderbar, aber abstrakter. Dann ist man in einer – manchmal etwas abgehobenen – Blase. Im Lokaljournalismus geht es um die Themen der Menschen vor Ort. Da kommt immer etwas zurück. Da ist viel Emotion drin, Leute regen sich über irgendetwas auf, melden sich zurück und man hat mit Briefen, Kommentaren, Anrufen zu tun. Die zwei Aspekte sind für mich das Tollste: Die direkte Kommunikation, und über die Lebenswirklichkeit von Menschen zu berichten. So wird es auch immer bleiben. Manchmal fehlt mir das ehrlich gesagt ein bisschen.

Weil Sie dafür keine Zeit mehr haben?

In Minden habe ich mir das „Reporter-Sein“ noch zwei, drei Mal im Jahr gegönnt. Das ist in meiner jetzigen Rolle vorbei. Alles andere wäre Quatsch.

Was macht eine gute und zukunftsfähige Lokalzeitung für Sie aus?

Vor allem, dass es nicht nur um Zeitung geht. Sondern um die Zukunft des Journalismus vor Ort – und zwar im ganzen Land. Es muss darum gehen, wirklich nah an den Themen der jeweiligen Stadt zu sein. Redaktionen müssen sich immer wieder hinterfragen, ob sie das in ausreichendem Maße sind. Generell gibt es die Tendenz, Dinge vom Schreibtisch aus zu machen. Das ist komfortabler. Aber rauszugehen, mit den Leuten zu reden – vor allem mit denjenigen, an denen wir üblicherweise nicht so nah dran sind, das ist das Allerwichtigste. Ich glaube, wir bleiben im Lokaljournalismus sehr häufig in unserer eigenen Blase. Wir haben beispielsweise keinen ausgeprägten Zugang zu migrantischen Gruppen oder zu Problemvierteln. Neulich fiel über Wochen und Monate in einem Mehrfamilienhaus in einem eher schwierigen Bremer Stadtteil die Heizung aus. Das Heizöl war ausgegangen, der Vermieter lieferte nichts nach und die Leute saßen in der Kälte. Das sind doch Geschichten, über die wir berichten müssen. Klar, die Menschen, die dort wohnen, sind nicht unbedingt Abonnenten. Aber das darf nicht entscheidend sein. Zum einen, weil wir einen Auftrag haben, der über das Ökonomische weit hinausreicht. Zum anderen, weil sich Menschen, die nicht unter diesen Umständen leben, dafür sehr wohl interessieren. Nebenbei gesagt ist das Rezipieren von Journalismus inzwischen auch ein ökonomischer Faktor.

Dieser Fall sagt also viel über die Strukturen von Redaktionen aus?

Absolut. Vor allem über deren Zusammensetzung. Selbst wenn jemand aus einem Problemviertel anfinge, in einer Redaktion zu arbeiten, würde er oder sie vermutlich früher oder später umziehen. So läuft das nun mal.
 

„Vielleicht werden wir als Zusammenbringer in einer Zeit der immer tieferen gesellschaftlichen Risse in Zukunft noch gefragter sein als heute.“
 

Was können Sie also tun?

Ich finde es wichtig, dass Redaktionen nicht so durchakademisiert oder komplett homogen sind. Ein Beispiel: Wir haben kürzlich ein Volontariat ein halbes Jahr früher beendet, weil die Volontärin so stark war. Sie gehört jetzt zum Reporterteam. Sie ist zwar Juristin, also Akademikerin, hat aber einen polnischen Hintergrund und spricht Polnisch und Ukrainisch. Vor einiger Zeit hat sie eine Geschichte über eine polnische Spargelstecherin geschrieben. Normalerweise ist das für uns eine recht unzugängliche Welt. Diese Menschen werden irgendwo abseits untergebracht und ihre Auftraggeber wollen in der Regel nicht, dass sie mit jemandem sprechen. Aber diese Kollegin hat es geschafft, mit einer Arbeiterin ganz ausführlich zu reden: über ihre Arbeit, ihr Leben, wovon sie träumt. Es ist ihr gelungen, einen menschlichen Zugang zu dieser Frau zu finden. Und warum? Weil sie sprachlich, aber auch sonst Nähe aufbauen konnte. Solche Kolleginnen und Kollegen brauchen wir mehr, um Zugang zu Communitys zu bekommen, die uns sonst verschlossen bleiben.

Müssen Volontäre einen Studienabschluss haben?

Nö, finde ich nicht. Bei uns kommt ein Teil unserer Volontäre über die Hamburg Media School – diese Leute haben also zwangsläufig einen akademischen Hintergrund und die Kooperation klappt sehr gut. Die andere Hälfte bewirbt sich direkt bei uns – ein Studium ist nicht zwangsläufig Voraussetzung.

Viele Redaktionen sehen das anders.

Ja, ich glaube, dass auch bei uns noch in Teilen dieses Bild besteht. Es ist ja nicht schädlich, wenn jemand studiert hat. Aber wir brauchen da mehr Offenheit. Wenn jemand mit Abitur, einer Ausbildung oder einer etwas verwegenen Berufsbiografie im Gepäck auf uns zukommt und erkennbares Potenzial hat, dann finde ich es dämlich zu sagen: Der hat kein Studium, den nehmen wir nicht. Wir schreiben in Stellenausschreibungen jetzt übrigens immer rein, dass wir offen sind für Menschen mit internationaler Familiengeschichte und unterschiedlicher Herkunft. Das ist kein Allheilmittel, aber ein wichtiges Signal.

Können Sie junge Menschen aus vollem Herzen ermutigen, Journalist zu werden?

Ich warne und ermutige immer gleichzeitig. Man sollte es nur machen, wenn man überzeugt davon ist. Dann sollte man es allerdings ganz unbedingt machen. Wenn man schwankt, sollte man es lieber lassen.

Die Rahmenbedingungen sind nicht gerade ideal.

Nein, der Beruf ist unsicher. Wir wissen nicht, wo wir in zehn Jahren sein werden, welche Medien wir auf welche Art und Weise bespielen werden. Das geht aber gerade vielen Branchen so – so schwer es sein mag, das zu ertragen. Man kann auch sagen: Es ist ein spannender Prozess, wir sind mitten in einer Revolution, das ist historisch. Aber wenn man Sicherheit sucht, ist man hier nicht richtig. Auf der anderen Seite sind Menschen heute notwendiger denn je, die recherchieren, was stimmt und was nicht. In einer Zeit der Verwirrung braucht es Journalisten. Sie werden immer eine Zukunft haben!

Bewerben sich weniger Menschen auf Ihre Volontariatsplätze?

Ich glaube, das ist gerade normal: In einer unsicheren Welt suchen Menschen nach persönlicher Sicherheit – auch im Job. Beim Weser-Kurier haben wir im letzten Jahr das Ruder ein bisschen herumgerissen. Die Kooperation mit der Hamburg Media School hat uns tolle Leute beschert.

Haben sich das Selbstverständnis und die Herangehensweise von jungen Journalisten verändert?

Ja! Das soll nicht abwertend klingen, aber ich erkenne bei vielen eine aktivistische Tendenz – wohl auch geprägt durch soziale Medien – die ich nicht gut finde. Wir sind eben keine Aktivisten. Oder sagen wir so: Wenn es um Demokratie geht, haben wir Journalisten eine gesellschaftliche Aufgabe und sind irgendwie auch Demokratieaktivisten. Die Demokratie ist etwas so Grundlegendes – unser ganzes Zusammenleben beruht darauf. Dafür dürfen auch wir bei aller Objektivitätsverpflichtung kämpfen. Aber bei vielen anderen Themen sind wir vor allem Beobachter und müssen uns fragen: Wie kriegen wir verschiedene Perspektiven eingefangen?

Und das fällt jungen Journalisten schwer?

Manchmal sind Volontärinnen und Volontäre sehr darauf aus, aus ihrer eigenen Denke heraus Protagonisten zu suchen und lassen andere Perspektiven aus dem Blick. Da bedarf es einer guten Ausbildung, in der gelehrt wird, ein möglichst breites Bild der Verhältnisse zu zeichnen.
 

„E-Paper führen dazu, dass man viele Themen macht,
um Seiten zu füllen. Das ist auf Dauer ein Problem.“
 

Die Süddeutsche Zeitung schließt gerade mehrere Lokalredaktionen. Mit acht Außenredaktionen stehen Sie selbst noch gut da. Wie groß ist Ihre Sorge um den Lokaljournalismus?

Es gibt vier große Themen, die mich beschäftigen. Erstens wäre es gut, wenn wir einfach sagen könnten: Das gedruckte Produkt schaffen wir ab. Ich liebe Print übrigens, deshalb sage ich das auf keinen Fall leichtherzig. Aber es ist ein Fakt, dass uns die Kosten für das Printprodukt perspektivisch gesehen erdrosseln werden. Die Produktionskosten steigen, das Papier ist teuer. Die Druckerei, die Logistik, dieser ganze Prozess ist für ein tägliches Wegwerfprodukt ein ziemlicher Wahnsinn! Unter ökologischen Aspekten ist es auch fragwürdig, das nur am Rande. Und die Kosten sinken nicht maßgeblich, wenn wir weniger Abos verkaufen. Das Zustellen wird nicht günstiger, weil das Zustellernetz nicht automatisch kleiner wird. Ich muss total aufpassen, was ich da sage, aber es hilft ja nichts: Irgendwann wird diese Rechnung nicht mehr aufgehen. Ich bin total dankbar, dass die taz es vormacht und bald werktags nur noch digital erscheint. Ich glaube, wir brauchen solche Vorreiter in der Branche, die einen Trend setzen, der eines Tages für alle unumgänglich sein wird.

Wann wird die Zeit der Umstellung von Print auf Digital kommen?

Bei der taz ist der Druck besonders hoch. Die haben eine relativ kleine Auflage, die sie deutschlandweit vertreiben. Wir Lokalmedien sind in einem kleineren Gebiet aktiv, da geht es noch vergleichsweise gut. Aber irgendwann eben nicht mehr. Das müssen wir frühzeitig kommunizieren, um Menschen vorzubereiten. Es hilft nichts, so zu tun, als wäre das alles kein Problem. Alle Medien haben diesen Cut vor sich.

Was würde passieren, wenn Sie auf einen Schlag rein digital werden würden?

Dann würden die Kosten so weit absinken, dass wir auf mehrere Jahre erstmal safe wären, denke ich.

Warum tun Sie das dann nicht?

Es gibt eben eine Printkundschaft, die hartnäckig an diesem Produkt hängt. Es ist ganz wunderbar, dass es diese enge Bindung gibt. Aber es ist auch eine ganz, ganz schwierige Sache. Inzwischen merken die Leute, dass da viel passiert und suchen aktiv den Kontakt. Manche rufen an und sagen so etwas wie: „Wenn Sie irgendwann nur noch digital unterwegs sind, dann bin ich weg.“

Das sind eher die älteren Leser, vermute ich.

Klar, das sind nicht die 30-Jährigen. Sie sind eher zwischen 50 und 90.

Löst sich dann, böse gesprochen, dieses Problem irgendwann von selbst?

Das ganze Thema ist auch ein demographisches Phänomen, ja. Anders gesagt: Die Auflage sinkt, weil Menschen sterben und auf der anderen Seite kaum Printkundschaft nachrückt. Natürlich kündigt auch mal jemand, weil er unzufrieden ist, aber dieser Anteil ist verschwindend gering. Von selbst löst sich das Problem trotzdem nicht. Das Geschäftsmodell kippt ja nicht erst bei einer Printauflage von null Ausgaben. Deshalb müssen wir über die Strecke mehr und mehr Printkunden digitalisieren und irgendwann wird der Wechsel für alle anstehen. Vielleicht gibt es zwischendurch ein Übergangsmodell wie eine gedruckte Samstagsausgabe.

Was ist die zweite große Herausforderung?

Dass wir ein Problem mit dem geschriebenen Wort haben. Darüber reden wir in der Branche relativ wenig, finde ich. Wenn ich mir die Entwicklungen anschaue, weiß ich nicht, welche Rolle das geschriebene Wort in 15 oder 20 Jahren noch spielen wird. Wir müssen es also hinkriegen, Texte in der heutigen Zeit nicht zu vernachlässigen – weil sie für viele immer noch fundamental wichtig sind – und gleichzeitig müssen wir verstärkt Audioformate entwickeln, die Menschen anderswo abholen.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke, um eine jüngere Zielgruppe anzusprechen?

Ich habe dazu ein gespaltenes Verhältnis, weil sie für mich mehr Teil des Problems als Teil der Lösung sind.

Wieso?

Mir gehen sie tierisch auf die Nerven, salopp gesagt. Klar, es gibt gute Argumente dafür, dass wir soziale Netzwerke inhaltlich bespielen. Man sagt ja: „Wir müssen die Leute da abholen, wo sie sind, und unsere Produkte dort anbieten, wo Menschen sie konsumieren wollen.“ Stimmt alles. Aber wann hat uns jemals eine Plattform wirklich weitergeholfen? Es ist andersherum: Wir helfen immer nur den Plattformen weiter. Wir bieten unsere Inhalte dort an, drehen zum Beispiel Videos für TikTok, und die Plattform sagt: Vielen Dank. Und ich glaube, die Leute nehmen unsere Marke dabei viel weniger wahr, weil dort alles verschwimmt. Ob das am Ende auf journalistische Marken einzahlt?

Die meisten Medien versprechen sich davon, dass die TikTok-User von heute die Abonnentinnen und Abonnenten von morgen sind.

Ja, das finde ich auf der einen Seite richtig. Andererseits bin ich zwiegespalten bei der Frage, ob der Shift funktioniert. Ich würde da ein großes Fragezeichen dran machen. Sicher ist dagegen, dass eine Handvoll Unternehmen einen Markt mit aller Macht dominiert und dabei auch noch vieles überrollt, was die Gesundheit unserer Gesellschaft sicherstellt. Mit riesigem Aufwand rein in jedes Netzwerk, da wäre ich zurückhaltend.

„Wir sollten in Deutschland alles dafür tun, dass besonders Lokalmedien verschiedene Perspektiven aufzeigen – alles andere ist ungesund.“
 

Fehlt noch das dritte große Thema, das Sie beschäftigt.

Wir müssen uns stärker aufs Regionale und Lokale fokussieren und davon wegkommen, dass Lokalzeitungen sich nebenbei als eine Art Zeit oder Süddeutsche sehen. Ich glaube zwar, dass wir für viele Menschen immer noch Teil der Grundversorgung sind, dass einige diese überregionale Berichterstattung wahrnehmen und konsumieren und sie deshalb wichtig ist. Wenn wir plötzlich unseren Mantel komplett einstellen würden, gäbe es einen Aufschrei. Das wäre total falsch. Aber ich glaube, mit jedem Jahr wird das Überregionale weniger wichtig, weil der Anteil der Kunden sinken wird, der diese Grundversorgung bei uns sucht. Nichts davon kann exklusiv sein. Mit einer großen Ausnahme: Wenn wir erklären, was die großen nationalen und internationalen Themen für die Region bedeuten. Der Weser-Kurier hat einen Berlin-Korrespondent – und das ist genau richtig so.

Und das vierte Thema?

In den USA sehen wir, dass Medien sich immer mehr nach der Meinung ihres Zielpublikums ausrichten. Wer konservativ ist, bekommt von Sender X seine Meinung bestärkt. Wer progressiv ist, bekommt von Sender Y seine Haltung unterstrichen. Wir sollten in Deutschland alles dafür tun, dass besonders Lokalmedien verschiedene Perspektiven aufzeigen – alles andere ist ungesund.

Womit können Lokalmedien in Zukunft auch die 20- bis 50-Jährigen überzeugen und nicht nur die ältere Generation?

20-Jährige sind nur schwer zu erreichen. Ich selbst habe in Tübingen studiert – ich hätte mich damals nicht im Traum auch nur ansatzweise mit dem Schwäbischen Tagblatt beschäftigt. Weil mir das völlig provinziell vorkam, und weil man als Student oft in seiner eigenen Welt lebt und denkt: In zwei, drei Jahren bin ich wieder weg.

Aber irgendwann werden die Menschen sesshaft; sagen wir mal, ab den 30ern.

Genau. Da gibt es Schwerpunktthemen, mit denen man die Leute kriegen kann: Immobilien, Hauskauf, Kindergärten, Schulen, Familie, Beziehung, Gastronomie und die Frage: Was kann ich am Wochenende in der Stadt erleben? Und dann würde ich sagen: Als Zeitung voll auf das Leben vor Ort gehen.

Verpassen Lokalzeitungen da etwas?

Wir alle können und müssen darin noch besser werden, wobei ich finde, dass wir uns schon ein ganzes Stück bewegt haben. Das ist gar nicht so einfach, aber wir müssen uns weiterhin fragen: Welche Zielgruppen wollen wir ansprechen? In welcher Lebensphase sind sie? Mit welchen Themen beschäftigen sie sich?

Welche Rolle kann und sollte investigativer Journalismus im Lokalen spielen?

Investigation ist ein großes Wort. Wenn ich es nutze, meine ich: Journalismus deckt im Leben vor Ort Dinge auf, die man nicht ohne Weiteres erfahren würde. Das muss nicht der riesige Skandal sein, auch wenn der natürlich gerne genommen wird. Es können auch Kleinigkeiten sein. Dinge, die nicht gut laufen, bei denen man einen Blick hinter die Kulissen bekommt und erfährt: Warum ist das eigentlich so? Welche problematischen Strukturen gibt es hier? Solche Dinge steigern die Exklusivität eines Mediums.

Ganz zentral für die Zukunft eines Mediums ist – neben den Inhalten – auch die Frage, wie eine Redaktion geführt wird. Führungspositionen bekommen meist diejenigen, die fachlich gute Arbeit leisten. So wird ein guter Autor plötzlich zur Führungskraft und hat damit eine ganz andere Aufgabe. Ist das die richtige Herangehensweise?

Da es mir selbst so ging, könnte ich jetzt sagen: ja. Aber so einfach ist es nicht. Ein guter Schreiber oder eine gute Führungskraft zu sein, das sind zwei unterschiedliche Berufe. Wer das eine kann, muss das andere noch lange nicht können oder mögen. Da muss sich jeder kritisch hinterfragen. In dem Beruf ist es sowieso wichtig, immer wieder bereit zu sein, die eigenen Grenzen zu erkennen und anzugehen. Niemand ist als Führungskraft jemals perfekt.

Bilden Sie sich zu Führungsthemen fort?

Ich bin meinem letzten Arbeitgeber sehr dankbar, dass ich ein Führungskräfteprogramm besuchen durfte, das über ein ganzes Jahr lief. Das hat mir viel gebracht. Weiterbildung ist kein unnötiges Chichi und ich bin überzeugt, dass man vieles lernen kann. Das Wichtigste beim Thema Führung ist für mich, dass ich Spaß daran habe, mit Menschen in Kontakt zu sein, mich mit ihnen auszutauschen und gemeinsam gute Lösungen zu finden. Ich verstehe mich immer als Coach, der andere begleitet. Ich muss Leute dahin führen, dass sie sich sicher fühlen in ihrer Arbeit. Dass sie erfragen können, was sie brauchen, um besser arbeiten zu können und dass sie am Ende wirklich selbstständig sind. Das muss das Ziel von Führung sein: sich am Ende selbst überflüssig zu machen. Ich bin nicht der Typ, der versucht, alle Fäden in der Hand zu halten. Das schafft man eh nicht.

Apropos „sich sicher fühlen“: Kolleginnen und Kollegen werden angefeindet, manchmal auch angegriffen. Wie gehen Sie damit um?

Ich will es nicht kleinreden, aber ich versuche immer, es ein bisschen herunter zu kochen. Insgesamt ist der Ton viel rauer geworden. Es ist ungemütlicher, unfreundlicher, unmenschlicher, irgendwie unhöflicher. Das erlebe ich täglich. Manchmal ist es schwer, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich finde das sehr schade. Es ist mir gerade wieder passiert: Wir hatten auf der Titelseite über einen Jugendlichen berichtet, der 100 Straftaten begangen hat. Danach ist er abgetaucht und war für die Behörden nicht mehr auffindbar. Daraufhin hat sich ein Leser gemeldet, der fand: Sowas darf man nicht auf die Titelseite setzen. Das fördere rechte Kräfte.

Was haben Sie geantwortet?

Ich war anderer Meinung, habe mich aber dafür interessiert, warum er das so sieht.

Und dann?

Wir haben telefoniert, und das Gespräch war sehr kurz, emotional und auf seiner Seite auch recht laut. Er hat einfach nur geantwortet: „Wenn Sie nicht verstehen, was ich damit meine, dann können wir das Gespräch auch gleich beenden.“ Dann hat er aufgelegt.

Erleben Sie so etwas öfter?

Jedenfalls immer wieder. Das ist blöd, weil ich mich ja dafür interessiere, wie die Menschen die Dinge sehen. Ich erlebe häufiger, dass es nicht leicht ist, wirklich tief miteinander ins Gespräch zu kommen und am Ende zu sagen: „Okay, wir sind nicht einer Meinung, aber wir haben uns gegenseitig etwas besser verstanden.“ Das wäre für uns als Gesellschaft sehr wichtig, finde ich. Und das ist definitiv schwerer geworden. Aber ich habe überhaupt keine Angst, auf die Straße zu gehen. Hier jedenfalls nicht. Im Osten mag das anders sein.

Beim Mindener Tageblatt haben Sie mal eine Supervisionsgruppe ins Leben gerufen.

Dort hat jemand nachts eine Schaufensterpuppe an einer Brücke symbolisch erhängt. Die hatte ein Schild um, auf dem „Covid-Presse“ stand. Das hat einige in der Redaktion mitgenommen. Wir haben dann diese Gruppe mit einem Supervisor eingerichtet. Irgendwann waren wir an einem Punkt, an dem die Teilnehmer gesagt haben: Es war richtig, dass wir das gemacht haben, aber jetzt ist es auch gut. Die Frage bleibt aber, ob wir alle Supervision nicht stärker in unseren Alltag und auch in die Berufsausbildung integrieren müssten.

Wie geht es Ihnen nach einem solchen Streitgespräch, von dem Sie gerade berichtet haben?

Abends denke ich oft nochmal darüber nach. Ich frage mich einfach, wie wir über diese Hürde hinwegkommen, dass Menschen sagen: „Wenn Sie mich nicht verstehen, dann rede ich halt nicht mit Ihnen.“ Das macht mich manchmal ratlos.

„Viele Inhalte sind zwar nicht irrelevant, aber auch nicht hochrelevant. Was unten im Zweispalter auf einer Seite steht, könnte man glatt weglassen.“
 

Lassen Sie uns das Thema wechseln: Machen Sie sich Gedanken darum, wie Sie KI in der Redaktion einsetzen können?

Klar! Das Thema, das uns gerade am allermeisten beschäftigt, ist die Struktur der Printproduktion. Unser Ziel ist es, sie möglichst zu vereinheitlichen, sodass nicht jede unserer Redaktionen so stark darum kreist, wie das derzeit der Fall ist.

Wie kann KI Ihnen dabei helfen?

Die KI soll keine totale Seitenautomation vornehmen, aber zumindest einen großen Teil der Inhalte selbstständig zusammenfügen, damit wir den Aufwand dafür reduzieren können.

Das Ziel besteht also darin, mit einem kleineren Team und KI-Unterstützung alle Seiten zu produzieren?

Genau. Wir arbeiten aktuell daran, zusammen mit einem Anbieter von Redaktionssystemen. Wir versuchen vor allem, unser Layout dabei nicht total über den Haufen zu werfen. Denn es soll natürlich weiterhin vernünftig aussehen. Andere Medien sagen, es ist ihnen relativ egal, wie es aussieht. Bei denen ist jede Geschichte ungefähr gleich lang, Randspalten gibt es nicht mehr. Aber wir wollen einen anderen Weg gehen. Unser Layout soll am Ende nicht aussehen wie das eines Anzeigenblattes. Wir stellen aber fest, dass das komplex ist. Je komplizierter das Layout, desto größer die Anforderungen an die Maschine.

Layouter brauchen Sie dann also nicht mehr?

Doch, die brauchen wir noch. Sie sollen ein Auge darauf haben, wie das Ganze aussieht. Aber wir versprechen uns davon, dass wir nicht die volle Manpower ausgerechnet in die Printproduktion stecken müssen, die eher auf dem absteigenden Ast ist. Wir wollen diese Kraft lieber von zu automatisierenden Standardaufgaben weg in die digitalen Produkte stecken, außerdem auch in den Reporterbereich.

Welche Regeln gibt es beim Weser-Kurier für den Umgang mit KI?

Wir haben eine KI-Richtlinie: Dass eine KI keine eigenständige Recherche durchführt und immer der Mensch den letzten prüfenden Blick haben muss. Ich finde, jede Redaktion sollte das so handhaben, damit alle wissen, wo die Reise hingeht.

Lassen Sie uns über Geld reden. Dass Abo-Zahlen und Anzeigenerlöse sinken, ist nichts Neues. Aber was machen wir denn nun, damit Journalismus ein Geschäftsmodell ist, dass auch in Zukunft funktioniert?

Was ich da langfristig am Horizont sehe, wird nicht morgen, nicht übermorgen und auch nicht in fünf Jahren eintreten, aber langfristig schon. Sagen wir mal, in 15 oder 20 Jahren. Wenn wir davon eine Vorstellung haben, können wir uns als Menschen und als Redaktionen langfristig dorthin entwickeln.

Erzählen Sie mal.

Ich glaube, wir werden in viel kleineren Teams viel weniger Inhalte produzieren. Selbst wenn wir unser Geschäft heute komplett ins Digitale verlagern würden, wären wir vielerorts immer noch im E-Paper-Bereich – was ja am Ende genauso aussieht, wie eine gedruckte Zeitung. Und das führt dazu, dass man sehr viele Themen macht, um Seiten zu füllen. Ich glaube, das ist auf Dauer ein Problem.

Dann reden wir also über eine Zeit, in der es keine Printzeitung und kein E-Paper mehr gibt?

Ich glaube, diese Zeit wird kommen, auch wenn sie noch sehr weit weg ist. Das E-Paper ist eine wichtige und erfolgreiche Brücke in diese Zeit. Aber es wird eines Tages nicht mehr das gefragteste Produkt sein, glaube ich. Wenn wir irgendwann nur noch Texte für online produzieren, wird die bisherige Masse an Beiträgen nicht mehr nötig sein. Ich glaube, wenn man Schwerpunktthemen setzt, braucht man für ein Portal nicht mehr als zehn zentrale Beiträge am Tag, die aber müssen dann wirklich gut und relevant sein. Das würde reichen. Viele Inhalte sind zwar nicht irrelevant, aber auch nicht hochrelevant. Was unten im Zweispalter auf einer Seite steht, könnte man glatt weglassen. Ich glaube, das würde man nicht vermissen. Wenn wir uns die Daten anschauen, dann stellen wir heute schon fest, dass viele Inhalte, die wir produzieren, fast keine Leserinnen und Leser finden.

Und diese Inhalte lese ich dann rein digital?

Ja, auch in einem Newsletter. Oder Sie hören sie in einem Podcast an. Oder auf einem Weg, den wir heute noch gar nicht erahnen können: indem der Inhalt direkt in Ihr Gehirn übertragen wird. Klingt absurd, soll aber heißen: Es wird sich viel tun und wir müssen schauen, dass wir journalistisch Geprüftes auf dem Weg, der gerade gefragt ist, an und in die Kunden bekommen.

Rein finanziell würde das funktionieren, weil es den großen Kostenblock Print nicht mehr gäbe und dazu deutlich weniger Menschen in Redaktionen arbeiteten?

Ich kann es mir gerade nicht anders vorstellen, als dass zumindest weite Teile davon Wirklichkeit werden.

Ein innovatives Finanzierungsmodell ist das aber nicht.

Nein, es ist schlicht die Konzentration auf das Kerngeschäft. Beim Finanzierungsmodell habe ich noch viele offene Fragen. So gut wie alle Zeitungen haben nun Paywalls hochgezogen – ob das so schlau ist? Wie viele Abos werden die Leserinnen und Leser im Durchschnitt abschließen? Da werden uns in den kommenden Jahrzehnten bestimmt ganz andere Modelle einfallen. Vielleicht werden wir als Zusammenbringer in einer Zeit der immer tieferen gesellschaftlichen Risse in Zukunft noch gefragter sein als heute.

Was halten Sie von einer Presseförderung?

Je enger die wirtschaftlichen Verhältnisse werden, desto mehr halte ich davon. Früher habe ich mal gesagt, ich könne mir das gar nicht vorstellen. Ganz so radikal bin ich nicht mehr. Meine grundsätzliche Position ist immer gewesen: je weniger Förderung, desto besser. Je weniger Förderung man bekommt, desto weniger handelt man sich den Vorwurf ein: „Ihr seid denen verpflichtet, weil ihr von ihnen Geld bekommt.“ Je weniger man diese Diskussion führen muss, desto besser. Aber für so etwas wie eine Mehrwertsteuerbefreiung wäre ich inzwischen zu haben. Oder eine Zustellförderung, denn die betrifft nicht unmittelbar das journalistische Produkt. Und sie würde uns helfen, denjenigen Kunden, die sich nicht digitalisieren lassen wollen, trotzdem noch ein journalistisches Produkt zukommen zu lassen. Sehr kritisch sehe ich Förderung, wenn Geld direkt in die Redaktion fließt. Ich glaube, dafür werde ich nie zu haben sein.

In Münster gibt es zum Beispiel das lokaljournalistische Projekt RUMS. Sind solche Modelle eine mögliche Lösung?

Ich glaube, daran kann man ablesen, wie schwierig der Markt ist. Es wäre eine tolle Botschaft, wenn man sagen könnte, dass RUMS in Münster ohne Ende wächst. Aber auch dort ist es ein zähes Geschäft. Vielleicht ist der Markt am Ende einfach nicht so groß. Vielleicht ist es schon ein Erfolg, wenn RUMS es schafft, in Münster 5000 zahlende Kunden zu gewinnen, die dauerhaft dabei bleiben. Es muss eben halbwegs auskömmlich sein für die Leute, die dort arbeiten. Ich habe bei solchen Projekten die Sorge, dass sie mehr oder weniger selbstausbeuterisch sind. Journalismus sollte nicht zum Ehrenamt werden, denn dann verliert er an Professionalität. Aber das wird nicht passieren, dafür werden die Kolleginnen und Kollegen kämpfen. Meine Überzeugung ist: Einfach wird es nicht, aber wir Journalistinnen und Journalisten werden immer wieder Lösungen finden.

Catalina Schröder arbeitet als freie Reporterin für Medien wie Zeit für Unternehmer und Deutschlandfunkkultur. Caspar Sessler arbeitet als Fotograf in Bremen.